JRD

Hermine – oder ein kurzes Leben mit Juvenile Nephropathien (JRD – von engl.: juvenile renal dysplasia)

Auch nach über 3 Jahren fällt es unglaublich schwer in Worte zu fassen was wir 2016 erleben mussten . So viel Auf und Ab, so viel Hoffnung und Verzweiflung, ein langer Untersuchungsmarathon und schlussendlich eine deutlich hervortretende Wahrheit – es gibt keine Rettung.

Aber von Anfang an – vielleicht erkennt ja jemand die Symptome am eigenen Welpen wieder und ich kann dem ein oder anderen einen Untersuchungsmarathon ersparen, die Informationen auf der Suche nach Hilfe warum zumindest 2016 noch sehr dürftig. Und ich wäre damals dankbar für einen ehrlichen Erfahrungsbericht gewesen.

Hermine wurde am 01.03.2016 im Süden Englands geboren, ich habe sie mit 5 Wochen ein erstes Mal besucht und mit 8 Wochen schließlich über die Schweiz nach Österreich eingeflogen. Sie hatte schon in der Welpenkiste eher wenig Appetit (wurde daher oft einzeln gefüttert damit sie überhaupt etwas abbekam) und war entgegen all meiner bisherigen Hunde auch mit 8 Wochen kein „Wonneproppen“ von >5kg, sondern brachte bei ihrer Ausreise magere 3.8 kg auf die Waage. Mein Verstand wusste wohl damals schon, dass hier was nicht stimmt. Aber das Herz hatte entschieden, dass diese kleine zierliche Hündin ein Zuhause in meinem Rudel finden sollte…

Fressen blieb auch in Tirol eine Herausforderung und alle gut gemeinten Ratschläge („nimm das Futter weg, die verhungert schon nicht“) waren schnell über Bord geworfen, Hauptsache irgendwas ging in den Hund. Wir fanden unsere Routine und Hermine lernte in Ruhe, im Kennel geschützt vor Hazel und Hexe zu fressen, wobei eine Mahlzeit durchaus 30-60 Minuten dauern konnte. Appetit hatte sie wohl eher nie wirklich.

Stubenrein war sie anfangs super schnell, allerdings nur sehr kurz. Mit 12 Wochen fing sie „wieder“ an in die Wohnung zu machen und zusammen mit dem mangelnden Appetit veranlasste uns das zu einem ersten Blutbild – aufgrund der Werte vermuteten wir da eine Blasenentzündung mit Beteiligung der Nieren, also gab es zum ersten Mal Antibiotika – und realistisch, gut wurde es dann nie wieder…

Sie trank zwischen normal und viel, hielt manchmal nachts durch, oft nicht, meldete sich tagsüber wenn sie musste und schaffte es dann aber nicht bis in den Garten. Abgesehen von der Futter und Pinkel Problematik war sie aber ein aufgeweckter und fröhlicher Hund, lernte schnell, orientierte sich an mir und machte auf unseren Runden, beschützt von ihrer Gang das was kleine Hunde eben tun: buddeln, baden, im Schlamm spielen, gruselige Hühner anbellen, Leckerli bei Bekannten betteln, eben ein normaler, nur etwas zu klein und dünn geratener Hund. Und so hoffte ich, dass sie einfach nur etwas länger braucht, ein wenig langsamer ist in der Entwicklung und sich das ganze eines Tages verwachsen würde…

Den Sommer verbrachten wir aufgrund unmenschlicher Temperaturen überwiegend zuhause mit nur kleinen Runden früh oder spät am Abend – und da auch die Großen durchaus mit den Temperaturen zu kämpfen hatten war es einfach die ungewöhnliche Ruhe eines Junghundes mit den äußeren Umständen zu erklären, auch wenn das Herz hier wohl schon wusste, was der Verstand nicht wahrhaben wollte.

Mitte August erbrach sie plötzlich 2 Tage in Folge ihr Futter und so entschied ich diesmal „den Hund auf den Kopf zu stellen“ bis die Ursache gefunden ist. Wir nahmen Blut ab, machten ein Röntgenbild und anschliessend einen ersten Ultraschall. Die Nieren haben wir dabei nicht wirklich betrachtet, aber das Röntgenbild hat bereits ein massiv vergrößertes Herz gezeigt, der Ultraschall eine Bauchspeicheldrüsenentzündung, also gab es erstmal eine Spritze gegen den Brechreiz und Schonkost und Warten bis das Labor dann da ist.

Den Anruf am nächsten Morgen werde ich wohl nie vergessen. Das Blutbild war mehr als katastrophal und ich sollte so schnell als möglich mit dem gesamten Rudel in die Praxis kommen. Hermine hatte neben diversen sonstigen entglittenen Werten eine akute und massive Blutarmut, die um überhaupt eine Chance auf weitere Untersuchungen und Ursachenforschung zu haben sofort behandelt werden musste. Mein tapferes Hexchen wurde also als Blutspender ausgewählt und Hermine bekam den ersten dauerhaften Zugang gelegt.

Aufgrund des geschwächten Allgemeinzustandes wollten wir nicht erneut Blut abnehmen, also wurde alles was möglich war (diverse Infektionen, Vergiftung, etc.) im Labor mit den vorhandenen Blutproben nachgeordert, ich sammelte Urinproben, diverse Kliniken wurden eingeschaltet auf der Suche nach der Ursache – doch es kamen nur negative Befunde. Hermine verbrachte derweil mehrere Stunden täglich am Tropf, die kurzfristig gewonnen Energie der Bluttransfusion war viel zu schnell aufgebraucht, so folgte eine zweite und eine dritte Bluttransfusion, während wir weiterhin mit steigender Verzweiflung nach der Ursache suchten und Hermine von Tag zu Tag mehr abbaute.

Die eindeutige JDR Diagnose kann nur bei einer Obduktion gestellt werden – auf diesen aller letzten Schritt habe ich verzichtet, da allerdings sämtliche Autoimmun, virale sowie bakterielle Ursachen ausgeschlossen wurden, auch Parasitäre Übertragungen (Zecken und Co.) ohne Befund waren, eine Vergiftung von meiner Seite ausgeschlossen werden konnte bleibt realistisch neben „unbekannte Ursache“ nur noch JRD übrig. Am 30.September wurde sie ein letztes Mal in der LMU von einem Spezialisten sonografisch untersucht, mit der geringen Hoffnung, dass eine Wucherung/Tumor an den Nieren für all die Symptome verantwortlich sind – wenn man auf einen Tumor hofft, weiß man eigentlich, dass man am Ende angekommen ist.

Der Ultraschall zeigte KEIN gesundes Nierengewebe, nicht mal einen Rest. Die Organe waren strukturell völlig verändert, hatten keine klare Abgrenzung mehr. Wir hatten verloren. Nach 6 Wochen Kampf, mit unendlichen Stunden an Infusionen, unendlichen Untersuchungen, Punktierungen, Biopsien, Blutabnahmen und Transfusionen – habe ich Hermine noch am gleichen Tag (hier ein großer Dank an die liebevolle und verständnisvolle Tierärztin der LMU) im englischen Garten neben der Tierklinik in meinen Armen einschläfern lassen. 1 Tag bevor sie 7 Monate alte geworden wäre…

Hermine hat uns unfassbar viel beigebracht. Ich habe gelernt jeden Tag zu geniessen, Erinnerungen im Alltag zu schaffen und nicht auf besondere Ereignisse zu warten. Hermine hatte ein unfassbar großes Herz, ein wahnsinnig sanftes Wesen und hat jeden innerhalb kürzester Zeit um den Finger gewickelt. Ich bin dankbar für die Zeit die wir hatten, mit so viel Liebe wie manch andere sie in vielen Lebensjahren nicht erfahren dürfen.